Regenbogenfamilien NRW » neugierig » Aktuelles » Interview mit „Zwei Mütter“-Regisseurin Anne Zohra Berrached
16
Mai
2013

Interview mit „Zwei Mütter“-Regisseurin Anne Zohra Berrached

Der Film „Zwei Mütter“ der Regisseurin und Drehbuchautorin Anne Zohra Berrached zeigt die Probleme eines lesbischen Paares auf dem Weg zur Schwangerschaft und zum gemeinsamen Kind.

Der Film beleuchtet die Belastungen, die aus dem Kinderwunsch für die Beziehung der beiden Frauen entstehen und wie das Paar damit umgeht. Seine Welturaufführung fand auf den 63. Internationalen Filmfestspielen in Berlin statt. In der Sektion “Perspektive Deutsches Kino” gewann die Studentin der Filmakademie Baden-Württemberg den Preis  “Dialogue en Perspective”. “Zwei Mütter“ ist weltweit auf Filmfestivals und ab Mai 2013 im Kino zu sehen.

Frau Berrached, in Ihrem Film schildern Sie die Schwierigkeiten eines lesbischen Paares, ihren Kinderwunsch zu verwirklichen. Der Film richtet sich an ein breites Publikum. Ist die Zeit dafür reif?

Portrait von Anne Zohra Berrached

Die Regisseurin Anne Zohra Berrached

Anne Zohra Berrached: Ein solcher Film ist längst überfällig. Wenn hier in Deutschland darüber geredet wird, dass Homosexuelle heiraten dürfen bzw. sich verpartnern, dachte ich, es bedeutet, dass für alle die gleichen Rechte gelten. Doch die Frauen werden nicht gleich behandelt, z.B., was eine Insemination angeht. Es war mir ein Anliegen, das zu zeigen.

Ihr Film verknüpft dokumentarische Elemente mit fiktiven. Was hat Sie an dieser Kombination gereizt?

Anne Zohra Berrached: In meinen Filmen, die ich vor „Zwei Mütter“, meinem ersten Langfilm, gedreht habe, habe ich entweder dokumentarisch oder fiktiv gearbeitet. – Ich habe entweder die echte Welt und ihre Menschen beobachtet oder mit einem Drehbuch und Schauspielern das Leben ’nachgestellt‘. Die Recherche zu „Zwei Mütter“ fand ich dann so spannend, dass ich auch hier unbedingt die Realität mit in den Film hineinholen wollte. Aus Erlebnisberichten von vier lesbischen Paaren mit Kind habe ich ein Drehbuch verfasst. Entstanden ist nun eine Collage aus Recherche, Statistiken, Fakten und Prognosen, Wünschen und Wirklichkeiten.

Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Film gekommen?

Anne Zohra Berrached: Vor zwei Jahren etwa habe ich eine Anzeige in der Zeitung gefunden, in der ein Mann sein Sperma verkaufen wollte. Im Internet wurde mir klar, dass viele lesbische Frauen in Deutschland ein Kind zeugen, indem sie sich Sperma eines Fremden einsetzen. Ich habe schließlich Kontakt zu allen elf Samenbanken – das sind sämtliche Samenbanken in Deutschland – aufgenommen, Frauenpaare gesucht, die schwanger werden wollten, sie befragt. Erst dann habe ich verstanden, was eigentlich los ist in Deutschland, welche Schwierigkeiten auftauchen, wenn ein lesbisches Paar ein Kind haben möchte.

In Ihrem Film wird lediglich das Frauenpaar durch Schauspielerinnen dargestellt. Alle andere Personen spielen sich selbst. Wie haben Sie Kontakt aufgenommen?

Anne Zohra Berrached: Parallel zu den Gesprächen mit Samenspendern, den Ärzten und Mitarbeitern der Samenbanken, habe ich unter anderem über den Lesben- und Schwulenverband Kontakt zu Frauenpaaren gesucht. Schließlich habe ich mehrere Paare getroffen, die offen über ihre Schwierigkeiten gesprochen haben, als lesbisches Paar schwanger zu werden. Die Geschichten der Frauen habe ich dann zu einer zusammengefasst.

Waren die Gespräche unproblematisch?

Anne Zohra Berrached: Mit den Frauenpaaren waren die Gespräche unkompliziert. Sie wussten allerdings auch, dass sie später im Film durch Schauspielerinnen dargestellt werden und ihre Geschichte nur ein Teil der Story des Films ausmachen würde. Schwieriger ist es da schon, einen Samenspender zu finden, der sich vor der Kamera zeigen will, sich selbst spielt. Mir war wichtig, dass alle Menschen außer den Hauptfiguren reale Personen sind, mit realen Geschichten. Wenn in „Zwei Mütter“ ein Samenspender sagt, er bevorzuge die „natürliche Methode“, er also Sex will, dann ist das wirklich so.

Was soll bei den Zuschauerinnen und Zuschauern passieren, nachdem sie Ihren Film gesehen haben?

Anne Zohra Berrached: „Zwei Mütter“ erzählt eine Geschichte auf der Ebene eines gesellschaftlich wichtigen Themas, er erzählt aber auch die Geschichte eines Pärchens, einer Beziehung und einer Liebe, die nach und nach an den Umständen zerbricht. Jede sollte doch die Freiheit haben sich aussuchen zu können, in welcher Konstellation sie leben und Kinder haben möchte.

Welche Reaktionen gab es auf den Film?

Anne Zohra Berrached: „Zwei Mütter“ wurde im Februar 2013 auf der Berlinale vorgestellt. Dort gab es viel Presse und ich habe viele Interviews gegeben. Es gab fast ausschliesslich positive Kritiken, was ich insgeheim ein wenig schade finde. Ich hätte ganz gerne etwas mehr Auseinandersetzung gehabt. Trotzdem, mein Team und ich freuen uns über das Interesse an diesem so wichtigen Thema und diesem so wichtigen Film.

Haben Sie Rückmeldungen von den tatsächlichen Personen bekommen? Fühlten sie sich und die Situation angemessen dargestellt?

Anne Zohra Berrached: Zwei der Frauenpaare waren mit auf der Berlinale, die waren total begeistert. Als „Zwei Mütter“ das erste Mal einem rein lesbischen Publikum präsentiert wurde, war ich schon etwas nervös. Aber die Frauenpaare beim L-Beach-Festival, bei dem wir vor ein paar Wochen vorgestellt wurden, haben den Film sehr positiv aufgenommen. Nach den Filmvorführungen gibt es immer viel Redebedarf und spannende Diskussionen. Viele der Frauen  bringen ähnliche Situationen wie die im Film geschilderten mit.

Wie lang hat es gedauert, den Film vorzubereiten?

Anne Zohra Berrached: Ich habe mich langsam an das Thema herangetastet, von der Idee bis zum Film hat es ein bis zwei Jahre gedauert.

Wie wurde der Film finanziert?

Anne Zohra Berrached: Der Film ist in meinem dritten Studienjahr der Filmakademie Baden-Württemberg entstanden. Die Vorgabe war, einen dokumentarischen Kurzfilm zu erstellen. Ich habe aber einen szenischen Langfilm machen wollen und so natürlich Probleme gehabt, mit dem Geld, das die Schule zur Verfügung stellte, auszukommen. Doch mein Team und ich haben uns entschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen und uns selbst Regeln auferlegt, die uns ermöglichen, kostenreduziert zu arbeiten, uns aber in unserer Kreativität und Flexibilität fördern. Zum Beispiel haben wir den Film von überflüssigem technischen Schnickschnack befreit, wir haben ausschließlich ohne Licht gedreht. Und das hat geklappt. Eine uns auferlegte Regel war auch, die Dialoge am Set zu improvisieren. Das ist das Besondere an dem Film und macht ihn so wirklichkeitsnah. Karina Plachetka und Sabine Wolf haben letzte Woche eine lobende Erwähnung vom „Sehnsüchte-Festival“ in Berlin „für ihre herausragende darstellerische Leistung“ erhalten.

Wie sind Sie zu Ihrem Berufsziel Regisseurin gekommen?

Anne Zohra Berrached: Indem ich einen Film gemacht habe. Nach der Schule habe ich Sozialpädagogik studiert und dann zwei Jahre in London theaterpädagogische Projekte geführt. Irgendwann wusste ich, das ist es nicht, was ich machen will. Ich habe einfach alle Zelte abgebrochen und bin nach Spanien gegangen, um das zu finden, was ich mit meinem Leben wirklich anfangen möchte – und landete danach in Berlin. Irgendwann kam die Idee, einen Film zu machen über jemanden, den ich spannend fand. Ich wusste überhaupt nicht, wie das geht. Schließlich habe ich einen Kameramann und einen Cutter gefunden, den „Pausenclown“ gedreht, den der WDR später gekauft hat und die Filmakademie Baden-Württemberg als einen guten Einstieg in die Filmwelt empfand.

Ein Glück für uns! Vielen Dank, dass Sie dieses für viele lesbische Frauen so wichtige Thema mit ihrem Film ein Stück mehr in die Öffentlichkeit gebracht haben. Liebe Anne Zohra Berrached, wir bedanken uns für das Interview, wünschen Ihnen alles Gute für Ihren neuen Film und freuen uns auf einen Kinoabend in NRW mit Ihrem Film „Zwei Mütter“.

Flattr this! Die Site unterstützt Regenbogenfamilien - das ist mir was wert!


Zurück

Kommentare

Sehr geehrte Frau Berrached,

ich war lange ein Gegner der künstlichen Befruchtung, ganz egal ob bei hetero oder lesbischen oder homosexuellen Paaren. Bis meine Enkelin eines Tages zu mir sagte: „Wenn Du Dir heute ein Bein brichst, lässt Du Dir doch auch helfen“., da hat ein vorsichtiges Umdenken meinerseits begonnen.

Ihr Film allerdings hat mir gezeigt, dass meine Bedenken doch nicht wegdiskutierbar sind, unabhängig von hetero, lesbische oder homosexuell. Sehr deutlich wird in ihrem Film, dass ein Kind durch eine künstliche Befruchtung zu einer Ware wird, selbst dann, wenn es eine künstliche Befruchtung kostenlos beim Arzt um die Ecke gäbe.
Was sind das für Männer, die zwar Kinder wie am Fliesband produzieren, aber keine Verantwortung für diese Kinder übernehmen? 20 Kinder, aber keine durchwachte Nacht, kein Alltag, den es mit den Kindern gemeinsam zu bestehen gilt.
Was sind das für Frauen, die einen Mann fragen, ob in seiner Familie alle so groß sind, die aus einer Palette die Haar- und Augenfarbe, die Intelligenz oder Musikalität auswählen?

Und wie es Kindern ergeht, die ihre Wurzel ganz oder teilweise nicht kennen, weiß man spätestens seit den Flüchtlingstrecks, bei denen viele Kinder ihre Eltern verloren haben. Viele dieser Kinder haben ein Leben lang gesucht. Soll dies die schöne neue Welt sein, Web 2.0 oder 3.0, Samenspende bestellt bei Amazon, Rückgaberecht sogar 4 Wochen, anstelle der gesetzlich vorgeschrieben 14 Tage?
Für mich nach Ihrem Film ein eindeutiges Nein.

Kommentar schreiben

Wir freuen uns über Eure Meinung. Jeder Kommentar wird zunächst durch die Redaktion geprüft und dann freigeschaltet.

Kommentar