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24
Mrz
2014

Eine Begegnung mit Menschen, Lebensentwürfen und Träumen

Der Fotograf Daniel Schumann hat mit „International Orange“ ein Fotobuch veröffentlicht, in dem er gleichgeschlechtliche Familien und Paare in San Fransisco zeigt. Wir haben ihn zu dem Projekt, seinen Begegnungen und seiner Motivation befragt.

Zwei Frau umarmen einander und halte dabei ein Kind in ihrer Mitte

Eine Liebeserklärung an San Francisco , Vielfalt und Offenheit – Foto: Daniel Schumann

Herr Schumann, der Titel Ihres Buches „International Orange“ erklärt sich nicht unbedingt sofort – was hat es damit auf sich?

International Orange ist der Name der Farbe der Golden Gate Bridge. Ich habe diesen Titel gewählt, weil er einen direkten Bezug zu San Francisco herstellt, gleichzeitig aber auch die Vielfalt und Offenheit der Stadt betont, sowie stellvertretend für die Regenbogenfahne steht.

Sie sprechen davon, mit Ihren Bildern die Veränderung des traditionellen Familienbildes untersuchen zu wollen. Was haben Sie mit Ihrer Kamera herausgefunden?

Im Laufe der Geschichte hat sich das Bild von Familie immer wieder verändert, durch den Einfluss von Politik, Wirtschaft und Religion. Heute ist Familie so vielfältig wie noch nie. Und doch verbinden immer noch viele Menschen den Begriff der Familie mit einer heterosexuellen Partnerschaft, die durch den Bund der Ehe legitimiert und durch die Geburt von leiblichen Kindern bekräftigt wird.
Das wunderbare an Familie aber ist, wie die Bilder und Texte in meinem Buch zeigen, dass sie keiner Definition bedarf, außer derjenigen, die jede Familie für sich selbst bestimmt. Liebe, Vertrauen und Partnerschaft zeichnen eine Familie aus, nicht die Geschlechterkonstellation der Eltern oder die Geburt von leiblichen Kindern.

Sie zeigen Familien und Paare häufig in ihren Wohnzimmern, Gärten, Kinderzimmern – kurz: in ihrer eigenen Wohnumgebung. Was reizt Sie an diesem Setting?

Mir war es wichtig, an Orten zu fotografieren, welche von besonderer Bedeutung für die Protagonisten meiner Fotografien sind. Die privaten wie die öffentlichen Räume erzählen über die Menschen, über ihre Geschichte, ihre Lebenseinstellung, ihre soziale Situation. Sie bieten damit eine erweiterte Perspektive, die dem Betrachter ein vollständigeres Bild der dargestellten Personen vermittelt.
Darüber hinaus bietet die vertraute Umgebung den Menschen aber auch Sicherheit, um vor der Kamera ganz sie selbst sein zu können.

Ihr Buch ist erklärtermaßen auch eine Hommage an San Francisco – was macht in Ihren Augen diese Stadt so besonders?

San Francisco ist durch seine Hügel, seine Architektur, sein Klima und durch die Bucht eine sehr reizvolle Stadt. Das wirklich Besondere aber, was der wesentliche Auslöser für mich war, dieses Buch zu fotografieren, ist die Weltoffenheit, die Akzeptanz und die Vielfalt der Stadt. Nirgendwo sonst habe ich erlebt, dass Menschen ganz sie selbst sein können, ihr Anderssein offen leben können und dabei uneingeschränkt von ihrem Umfeld respektiert werden.

In Ihrem Buch „Prinzessinnen und Fußballhelden“ haben Sie Familien mit lebensbedrohlich erkrankten Kindern fotografiert. Was hat Sie zu diesem Projekt bewegt?

Ich habe meinen Zivildienst in einem Hospiz gemacht. Die Begegnung mit sterbenden Menschen hat mich tief bewegt und in mir den Wunsch geweckt, mich auf fotografischem Weg dem Thema des Sterbens und des Todes zu nähern. Ich habe in dieser Zeit die Fotografie als eine Möglichkeit entdeckt, um mich mit meinen Fragen an das Leben auseinander zu setzen. In dem Buch „Purpur Braun Grau Weiß Schwarz“ habe ich Erwachsene fotografiert, die in einem Hospiz gelebt haben und dort verstorben sind. Aus diesem Buch wiederum hat sich das Konzept zu „Prinzessinnen und Fußballhelden“ entwickelt. Wie gehen Menschen mit dem drohenden Tod um, die am Anfang ihres Lebens stehen, die keinerlei Lebenserfahrung haben sammeln können? Da die Eltern und Geschwisterkinder hier genauso betroffen sind wie das erkrankte Kind selbst, war es mir wichtig, die ganze Familie zu fotografieren. Das Buch, welches sich aus dieser Arbeit entwickelt hat, bedeutet für die betroffenen Familien zugleich Anteilnahme, als auch eine wichtige Erinnerung. Für andere Familien mit schwerkranken Kindern wiederum, zeigt „Prinzessinnen und Fußballhelden“, dass sie nicht allein sind und wie andere Menschen dieser Situation begegnen.

Die Balance zwischen einem ’normalen‘ Familienleben und dem Ausnahmezustand ist in einer solchen Konstellation sicher nur sehr schwer zu finden. Auch für viele Regenbogenfamilien stellt sich die Frage nach Normalität. Sehen Sie eine Verbindung zwischen den beiden Buchprojekten? Und wie viel Normalität haben Sie bei den portraitierten LGBT-Familien und Paaren finden können?

Der Künstler Igor Sacharow-Ross hat einmal sehr treffend bemerkt, dass ich mich in meinen Fotoprojekten mit den „Koordinaten des Menschlichen“ auseinandersetze. Dies scheint mir die Verbindung zwischen beiden Büchern zu sein. Es geht mir dabei nicht darum, den Ausnahmezustand zu zeigen, sondern danach zu fragen, was Menschen bewegt, welche Lebenskonzepte sie haben, wie sie Schicksalsschlägen begegnen und für welche Träume sie kämpfen. Aus diesem Grund habe ich mich auch dazu entschieden, nicht den Alltag der kranken Kinder mit all seiner Dramatik zu dokumentieren, sondern die Familie zu versammeln und mit der Fotografie einen Dialog zwischen Porträtierten, Fotograf und Betrachter zu schaffen.
Bei den Regenbogenfamilien in „International Orange“ habe ich mehr Normalität gefunden, als ich erwartet habe. Ich vermute, dass gerade weil viele der Menschen große Konflikte in ihren Familien und in der Gesellschaft erlebt haben, sie viel bewusster über ihr Leben nachdenken und nach Normalität, d.h. nach Sicherheit streben. Und selbstverständlich ist dies auch der Grund, warum viele der Paare und Familien aus allen Teilen des Landes nach San Francisco gekommen sind. Dort ist Andersartigkeit so normal, dass sie niemandem mehr auffällt.

In Deutschland stoßen gerade Regenbogenfamilien immer wieder an die Grenzen von Toleranz und Akzeptanz. Ganz offensichtlich ist „Familie“ zur Zeit ein stark umkämpfter Begriff, dessen Deutungshoheit von vielen Seiten eingefordert wird. Sehen Sie in LGBT-Familien eine Chance, den Familienbegriff dauerhaft zu verändern?

Ich denke, dass sich der Familienbegriff z.B. auf Grund der Globalisierung und einem immer stärker werdenden Bedürfnis nach Individualität zwangsläufig weiter verändern wird. In welche Richtung diese Entwicklung geht, wird durch die immer wieder sehr brisante und öffentliche Debatte um die Rechte und Pflichten von Regenbogenfamilien sicherlich wesentlich mit beeinflusst werden.

Die Bilder aus „International Orange“ wurden im Januar in der Folkwang-Galerie in Essen ausgestellt. Sind weitere Ausstellungen geplant?

Die nächste Veranstaltung wird eine Buchpräsentation sein, die am 8. Mai um 19 Uhr in Frankfurt im DZ Bank Art Foyer stattfindet. Weitere Ausstellungen sind in Planung, es gibt jedoch noch keine konkreten Daten.

Apropos Pläne: Haben Sie schon Ideen für Ihr nächstes Projekt?

Das nächste Projekt wird meine Masterarbeit sein, mit der ich mein Studium an der Folkwang Universität in Essen abschließe. Auch hier wird mich wieder das Thema des Familienportäts beschäftigen. Sobald das Konzept steht und die ersten Bilder fotografiert sind, werden Sie diese auf meiner Website  finden.

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